Genialitätstest
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Der Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen geht in den Endspurt, während sich die Parteien für die Bundestagswahlen erst richtig warm machen. Ein bisschen was scheinen sie sich alle bei Donald Trump abgeschaut zu haben, auch wenn es keiner zugeben würde.

Martin Schulz versucht es mit einer klaren, emotionalen Sprache, Christian Lindner fährt gut trainiert seine One-Man-Show. Die AfD hat gelernt, dass man Dinge behaupten kann, die nicht belegbar sind, wenn man es nur vehement genug tut. „Fake News“. „Alternative Fakten“. „Postfaktisch“. Diese Wortungetüme wabern nicht nur über das Gelände der re:publica 2017. Sie bahnen sich ihren Weg in Vorträge und in Diskussionen in den Medien.

Foto: twitter.com/c_lindner

Foto: twitter.com/c_lindner

Dass wir sie überhaupt aussprechen, kommt dem US-Präsidenten zugute. Statt von Lügen zu sprechen, wiederholen wir seine Formulierungen – und sei es auch nur, um die Idee dahinter zu entkräften. Damit schlucken wir einen sprachlichen Köder und tappen in die Framing-Falle, erklärt Neurolinguistin Elisabeth Wehling. Je häufiger eine Idee wiederholt wird, desto mehr festigt sie sich in den Köpfen der Menschen. Wir übernehmen ein politisches „Framing“, eine moralische Interpretation von Fakten. Frames bedingen unsere Wahrnehmung und unser Handeln – beispielsweise wen wir wählen.

Nicht nur Trump und seine Berater haben das verstanden. Auch hierzulande klappt das politische Framing schon ganz gut: Davon zeugt etwa, dass wir von einer „Flüchtlingswelle“ sprechen und über „Steuererleichterungen“ diskutieren. Im großen Wahljahr in Deutschland sollten wir die Formulierungen der Parteien hinterfragen. „Language is never innocent“, zitiert Wehling den französischen Philosophen Roland Barthes.

 

7 Tipps, wie wir sprachlichen Trumpismus erkennen

  1. Einfache, klare Sprache

„Wir bauen eine Mauer“ statt „Wir dämmen die Migration ein“: Je häufiger wir Begriffe schon gehört haben, umso stärker sind die Frames in unseren Köpfen verankert. Verständlich formulierte Argumente scheinen plausibel und ziehen besonders gut.

  1. Very bad! Sad! Failure!

Im AfD-Slang: Lügenpresse! Armes Deutschland! Einfach nur traurig! Fakten kümmern eh niemanden. Stattdessen teilen Politiker die Welt munter in Gut und Böse auf. Lautes Poltern auf Twitter überzeugt eher als sachliches Abwägen.

  1. Bilder im Kopf

Eine bildreiche Sprache löst in unseren Köpfen ein regelrechtes Feuerwerk aus. Google Images hilft, Frames zu erkennen und zu verstehen. Einfach mal „Crooked Hillary“ oder „Flüchtlingsflut“ in die Suche eingeben.

  1. „Ekelhaft“

Unser Hirn simuliert, was es liest. Besonders gut klappt das mit Wörtern, die sich auf unsere Sinne beziehen. Konservative Wähler lassen sich offenbar mit Ekelmetaphern beeinflussen. Je mehr sie davon lesen, desto weiter rutschen sie politisch nach rechts.

  1. „Big Daddy“ und „Mutti“

Trump stellt sich gern als „Big Daddy“ dar, Angela Merkel wird „Mutti“ genannt. In der Familie erfahren wir das erste Mal Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Mit Familienmetaphern lassen sich Wähler daher besonders stark beeinflussen.

  1. Sprachliche Nebelkerzen

Alles regt sich über „alternative Fakten“ auf oder den neusten Bullshit-Tweet von Beatrix von Storch? Damit springen wir perfekt auf Ablenkungsmanöver an. Es gilt zu hinterfragen, welche Themen hier eigentlich gerade unter den Teppich gekehrt werden.

  1. Hat er das wirklich gerade gesagt?

Wir sollten auch den vermeintlich „unmöglichen“ Kandidaten nicht unterschätzen. Selbst wenn sein Twitter-Account außer Kontrolle scheint und er spricht wie ein Viertklässler – das ist seine Strategie. So stellt er sich als authentisch und unstrategisch dar und gewinnt Sympathien.

 

Elisabeth Wehling lehrt und forscht seit zehn Jahren an der Berkeley-Universität in Kalifornien, was Sprache mit unserem Gehirn anstellt. Zuletzt hat sie sich mit dem US-Wahlkampf auseinandergesetzt und dazu das Buch „Politisches Framing“ veröffentlicht. Hier gibt es ihren Beitrag von der re:publica 2017 zum Nachschauen.

12.05.2017 | Kategorie: Zur Lage der Welt
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